Deutsche
Cichliden-Gesellschaft
e.V.
Die Fachleute für Buntbarsche

In eigener Sache

"Pizza-Aquarien"

Während einer Cichlidenausstellung sind sie mir zum ersten Mal bewußt geworden. Hartnäckig hat sich ihr Bild in meinem Kopf festgesetzt. Mit derart geschärftem Blick verfolgen sie mich nun auf Schritt und Tritt. In öffentlichen Räumen wie städtischen Schwimmbädern und Empfangshallen von Ämtern, in Restaurants und Szenekneipen, aber auch in Wartezimmern von Ärzten sind sie allgegenwärtig. Das Internet scheint seine Existenzberechtigung allein aus der Veröffentlichung ihrer Bilder zu beziehen. Gemeint ist die große Masse an Aquarien, die mich aufgrund ihrer (Farb-) Gestaltung fatal an eine Pizza Margarita erinnern. Wie wohl allgemein bekannt, symbolisiert deren Belag die italienischen Nationalfarben Grün, Weiß und Rot. Exakt diese Farbkombination beherrscht die "Pizza-Aquarien". Blendend weißer Sand, möglichst feinkörnig, damit bereits die geringste Wasserströmung ihn in der Schwebe hält, bildet die Unterlage für unseren optischen Genuß. Ein Sträußchen Vallisneria und/oder zwei niedliche Anubias sorgen für den grünen, leguminosen Aspekt, während viele rote Fische die Tomatensauce täuschend echt imitieren. Den krönenden Abschluß bildet der Käse auf unserer Aquarien-Pizza, das sandgestrahlte Lochgestein! Nur das geschulte Auge wird dessen Nuancenreichtum tatsächlich wertschätzen können. Reicht doch das Farbspektrum von rein weiß, sehr weiß, nicht ganz so weiß bis hin zu "da sind Algen auf den hellen Steinen, holt die Metallspirale!". Individuell aufgewertet wird das Ganze, ebenso wie bei einem Pizzabelag, durch persönliche Vorlieben. Deshalb sind zwei bis drei blaue oder gelbe Fische auch in den Aquarien von Puristen durchaus zu finden.

Das geschilderte künstlerische Gesamtkonzept wird meist als naturnah gestaltetes "Biotop-Aquarium" betitelt. Es soll einen Einblick in den Lebensraum ostafrikanischer Buntbarsche geben. Wenn dem tatsächlich so ist, und Buntbarsche einen Hang zum kollektiven Selbstmord entwickeln können, dann verstehe ich, warum so manche ostafrikanische Cichlidenspezies als vom Aussterben bedroht gilt. Wer auch immer das "Pizza-Aquarium" kreiert hat, wird sich wohl kaum mehr nachvollziehen lassen, aber er hat damit eine Lawine losgetreten, die nicht mehr zu stoppen ist. Jedes Zoofachgeschäft, das etwas auf sich hält, präsentiert stolz "Malawibarsche" im "italienischen Ambiente" und in nahezu jedem Katalog, der Aquarien und Zubehör anpreisen soll, locken Dutzende von Abbildungen mit der ganz besonderen grün, weiß, roten Farbkombination. Die "Lila Kuh" aus der Fernsehwerbung hat unser Verhältnis zum Nutzvieh beeinflußt und die permanente Präsentation der "Biotop-Aquarien nach Art des Hauses" hat wohl unsere Sehgewohnheiten beeinflußt und den gesunden Menschenverstand ausgeschaltet. Statt die Vielfalt der unterschiedlichen Lebensräume und deren Bewohner zu dokumentieren, herrscht in unseren Aquarien stereotype Uniformität. Eine einzige Grundausstattung reicht aus, um die Bewohner des lichtdurchfluteten Riffdachs, lichtarmer Tiefenzonen, der dunklen Höhlen und des "Freiwasser" zu präsentieren. Jegliche Extravaganzen, die von der "Urform Pizza-Aquarium" abweichen, werden als unattraktiv und nicht artgerecht angesehen. So verändern sich allmählich unsere Vorstellungen vom naturnahen Aquarium, in dem das Vorbild Natur immer weiter zurückgedrängt wird, und unserer Wunschvorstellung von der pflegeleichten, unserer Ästhetik entsprechenden Welt unter Wasser den Siegeszug antritt. Selbstverständlich können wir die Natur nicht exakt kopieren. Aber wie wäre es denn, wenn wir wenigstens versuchen würden, die Vielfalt der von Cichliden bewohnten Lebensräume darzustellen? Dabei muß man sich nicht unbedingt ein von Zivilisationsmüll verunreinigtes Gewässer zum Vorbild nehmen, sondern kann durchaus idealisieren. Als wichtige empfinde ich nur, dass dieser öden Uniformität in unseren Aquarien Einhalt geboten wird. Viel Hoffnung auf ein Umdenken habe ich allerdings nicht. Der neueste Trend bei den Diskusliebhabern ist nun auch das Vorbild "Pizza-Aquarium". Anstatt des Lochgesteins wird dort aber auf handgefertigte Tonwaren zurückgegriffen. Mit kühner Hand töpfert man sich das Wurzelwerk amazonischer Baumriesen selbst, oder gibt wenigstens seiner Impression davon Ausdruck und Form. Den Mut zur Farbe, den man mit der Pflege einiger besonders "gelungener" Zuchtformen schon bewiesen hat, zeigt man dann auch noch in der gewagten Bemalung der Handwerkskunst. Dabei ist festzustellen, dass brüllend bunte "Wurzeln" nicht mehr "in" sind. Ein zartes Pink oder Rosé ist angesagt. Très, très chic!

Vielleicht sollten wir in den DCG-Informationen einmal gelungene, naturnah eingerichtete Aquarien vorstellen? Senden Sie mir doch einfach Bilder Ihrer "Non-Pizza-Aquarien".

Mit besten Grüßen aus der DCG-Redaktion

Roland F. Fischer

P.S. Gesucht: Zur Illustration kommender Beiträge in den DCG-Informationen werden Aufnahmen von Nandopsis tetracanthus und Astatotilapia calliptera erbeten. Unabdingbare drucktechnische Voraussetzung zur Publikation von Digitalaufnahmen ist eine Auflösung im Original von 300 dpi (Minimum!) bei einer Breite von 15 Zentimeter (bei Titelbildern 18 Zentimeter). "Mogelpackungen", die mittels Extrapolation auf die geforderte Pixelanzahl gebracht werden, können nicht veröffentlicht werden. Wer bei der Einstellung seiner Digitalkamera auf die nötige Anzahl von Pixeln Schwierigkeit hat, dem sei ein Besuch der Seite http://www.bildergalerie-hamburg.de/foto-info/dpi-rechner.php empfohlen.

Ich freue mich auf Ihre Zusendungen! Dias und Negative sind stets hochwillkommen!

 

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